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Antikmöbel aus der Gründerzeit

« Extravagante Inszenierung des Historismus »

Kritiker warfen der Gründerzeit Protzigkeit vor. Zu Unrecht. Zwar stimmt es, dass die Bürger von damals großen Wert darauf legten, ihrem neu erlangten Reichtum Ausdruck zu verleihen. Doch betrachtet man heute die Überbleibsel der Epoche, in der das Bürgertum in Mitteleuropa die kulturelle Führung übernahm, bleibt einem kaum etwas anderes übrig, als zu staunen: Die Gründerstil-Architektur im Allgemeinen und Gestaltung der Gründerzeit-Möbel im Speziellen schmeichelt dem Auge und sucht in unserer modernen Welt vergeblich ihresgleichen.

Die Anfänge oder: der Gründerboom

Häufig hört oder liest man, der Gründerzeitstil sei die Folge der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871 durch Otto von Bismarck. Dies ist jedoch nicht ganz korrekt, auch wenn sich natürlich nicht leugnen lässt, dass der gewonnene Krieg gegen Frankreich den Gründerboom forcierte. Schließlich beliefen sich die Reparationszahlungen, die Frankreich dem Deutschen Reich leisten musste, auf fünf Milliarden Goldfranc. Das Geld kam den Verantwortlichen im Land gerade recht, um das auszudehnen und weiterzuentwickeln, was sich bereits in den Jahren zuvor angedeutet hatte. Schon im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts begann die deutsche Wirtschaft zu florieren – nicht zuletzt durch die industrielle Revolution, die von England aus das gesamte westeuropäische Gebiet und auch die USA erreichte.

© cphotos100 / Fotolia.com
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Im produzierenden Sektor ging die Zahl handwerklich fertigender Manufakturen stark zurück. Die Zeit stand im Zeichen der zunehmenden Mechanisierung und Automatisierung – hinsichtlich der Kreation verschiedener Gebrauchsgegenstände. Auch Möbel wurden fortan überwiegend industriell hergestellt. Will man die Bezeichnung „Gründerzeit“ herleiten bzw. klar definieren, muss man auf die gehäufte Gründung neuer Firmen verweisen, die sich damals zutrug. So kam es auch zum Begriff „Gründerboom“. Viele der Neugründer profitierten von der herrschenden Phase des Wohlstandes und genossen zählbaren Erfolg, was selbstverständlich auch dem Deutschen Reich genehm war. Es nutzte seine Mittel unter anderem dazu, den großen Städten mit neuer (alter) Architektur und Kunst ein extravagantes Gesicht zu verleihen.

Der Höhepunkt oder: die Entstehung architektonisch-künstlerischer Extravaganz

Im Zuge der oben erwähnten Industrialisierung wuchs der Bedarf nach Wohnraum. Auf bis dahin grünen Wiesen wurden ganze Stadtviertel neu gebaut. Typisch für die Architektur dieser Zeit sind die drei- bis sechsgeschossigen Blockrandbebauungen mit reich dekorierten Fassaden. Abgesehen von den Mietshäusern, deren Errichtung eine logische Folge der rasant wachsenden Stadtbevölkerung darstellte, entstanden Quartiere mit prunkvollen Villen und Palais für das reich gewordene Großbürgertum sowie repräsentative Bauten für das gesellschaftliche Leben (etwa Theater), die öffentliche Verwaltung (bspw. Rathäuser) und die neuen Infrastruktursysteme (Bahnhöfe etc.).

© steschum / Fotolia.com
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Die Objekte glänzten (und glänzen) nicht nur äußerlich – auch die aufwändige Innenarchitektur und das kostbare Mobiliar konnten und können sich sehen lassen. Apropos Mobiliar…

gruenderzeit-saeulenschrank-kirschholz-von-hand-mit-schellack-poliertGründerzeitstil-Möbel und der Historismus

Die Merkmale der Gründerzeit-Möbel entsprechen den markanten Eigenschaften der zugehörigen Architektur. So zeichnen sich die Einrichtungsgegenstände durch kantige und geradlinige Grundformen aus, die durch verschiedene Ausschmückungsvariationen aufgelockert werden. Dies geschieht unter anderem durch das Anbringen von Pilastern (pfeilerartige Formelemente), Säulen oder Kapitellen mit oder ohne Kannelierungen oder Lisenen. Des Weiteren kommt das Mobiliar oftmals mit gedrechselten Beinen oder profilierten Kugelfüßen sowie bekrönenden Aufsätzen daher. Die Stilattribute der Möbel, die vorzugsweise aus Nussholz, Kiefer oder Eiche bestehen, zeigen eine enge Verwandtschaft zu jenen der Renaissance. Aber auch Eigenheiten anderer kunstreicher Epochen, zu denen etwa Barock, Rokoko und Klassizismus zählen, zieren die imposanten Tische, Stühle, Vitrinen und Buffets.

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Interessant: Bei der Ausgestaltung der bis heute beliebten Stilrichtung bediente man sich bewusst der Charakteristika früherer Epochen, die im Zusammenhang mit höfischer Kultur und Adel standen, um die eigenen Erzeugnisse und damit einhergehend auch sich selbst in ein auffallend edles Licht zu rücken. Übrigens wird die offenkundige Glorifizierung vergangener Epochen, wie sie der Gründerstil eindrucksvoll praktizierte, als Historismus betitelt.

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Wenn wir uns gerade schon bei Begrifflichkeiten und deren Definitionen aufhalten, wollen wir gleich noch klären, was den Gründer- mit dem Jugendstil verbindet und welche Punkte die beiden „Genres“ trennen.

Gründer- vs. Jugendstil

Wir wissen nunmehr, dass Architektur, Kunst und Antikmöbel des Gründerstils einen ansprechenden Mix vergangener Epochen widerspiegeln. Die Bauten und Produkte präsentieren sich groß, massiv und reich beschnitzt. Demgegenüber liegt das Bestreben des Jugendstils seit jeher darin, einen eigenständigen Weg zu gehen und das Kopieren von Stilen früherer Zeitabschnitte zu unterlassen. Motive aus der Natur sollen sich mit schlichter Eleganz paaren und ein individuelles, frisches Ganzes zur Welt bringen.

Tatsächlich ist es dem Jugendstil aber nie gelungen, sich absolut vom Gründerstil abzugrenzen. Zu sehr ähneln sich die Möbel der beiden Richtungen. Sogar Experten haben dann und wann Schwierigkeiten, sie zu unterscheiden.

Als guter Anhaltspunkt fungieren die floralen Schnitzwerke, die wesentliche Merkmale von Möbelstücken im Jugendstil sind. Das Erscheinungsbild von Gründerstil-Mobiliar wollen wir Ihnen anhand konkreter Beispiele näherbringen.

Gründerzeit-Tische

Tische im Gründerzeitstil bestehen aus Wärme ausstrahlendem Weichholz und weisen stets einige der typischen Eigenschaften der gründerzeitlich geprägten Antikmöbel auf.

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So gibt es etwa Schreibtische mit profilierten Kugelfüßen oder Ausführungen mit gedrechselten Beinen.

gruenderzeit-buffet-weichholz-shabby-chic-weiss-honigfarbenGründerzeit-Buffet

Zur interessante(re)n Gestaltung der Küche oder des Esszimmers empfiehlt sich unter anderem ein Buffet im Historismus des Gründerzeitstils, das – wie auch die Tische – aus Weichholz gefertigt ist und durch die bewusst eingearbeiteten Gebrauchsspuren an antike Möbel aus der spannenden Epoche erinnert.

Der weiß lackierte Einrichtungsgegenstand mit dem einen oder anderen naturbraunen Element zieht Blicke auf sich.

gruenderzeit-vitrine-weichholz-antikbraunGründerzeit-Vitrine

Mit einer Weichholz-Vitrine im Gründerzeitstil, deren kantiges Format durch die edlen Füße und Lisenen aufgelockert wird, lässt sich jede Räumlichkeit auf besondere Art und Weise aufwerten.

Die Zwischenzeit oder: der Gründerkrach

Der große Wirtschaftsaufschwung, der die Gründerzeit hervorbrachte, fand 1873 im Wiener Börsenkrach – auch als Gründerkrach bezeichnet – ein jähes Ende.

Nachdem die österreichische Kreditanstalt aufgrund hartnäckiger Gerüchte über eine bevorstehende Börsenpanik Wertpapiere in Höhe von 20 Millionen Gulden verkauft und wenige Tage später ein angesehenes österreichisches Kommissionshaus Insolvenz angemeldet hatte, nahm die Gründerkrise ihren Lauf: Die durchschnittlichen Aktienkurse fielen, unzählige Firmen mussten schließen und es begann die etwa 20 Jahre andauernde wirtschaftliche Stagnationsphase. So verlor die Theorie des Wirtschaftsliberalismus an Boden. Der Staat griff wieder stärker ins Geschehen ein und versuchte die Wirtschaft durch Kontrollmechanismen wie Schutzzölle zu steuern. Die verheerendste Folge des Gründerkrachs war allerdings psychologischer Natur, denn die Vision vom Aufstieg und Reichtum für alle verblasste.

© fotogestoeber / Fotolia.com
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Vor allem kleine Handwerker und Geschäftsleute überfiel die Angst vom sozialen Abstieg durch die industrielle Konkurrenz, die das Marktgeschehen trotz der Krise weiter und immer stärker bestimmte. Zudem verloren die „einfachen“ Leute viel erspartes Kapital. Diese Faktoren trugen zu allerlei Verschwörungstheorien bei, die sich in den kleinbürgerlichen Kreisen verbreiteten. Insbesondere der Antisemitismus wuchs und wuchs, um bereits in den 1880er-Jahren in eine breite politische Unterströmung zu münden.

Der Gründerzeitstil heute

Heute sind es weniger die geschichtlichen Fakten um diese Zeit, als vielmehr die faszinierenden, wahrhaft schönen Erzeugnisse, die den Gründerzeitstil so unwahrscheinlich beliebt machen. Gründerzeit-Möbel wie Buffets, Tische oder Vitrinen harmonieren perfekt mit Einrichtungen im Landhausstil und verleihen Ihrem Eigenheim eleganten Charme mit rustikaler Note.